Verwelkte Sprossen in Blumentöpfen, zartes Rauschen und bewegende Schatten. Piepsende Vögel, das Flüstern und Drohen des Windes. Am Fenster des Hauses eine ausdruckslose Gestalt.

Es ist wieder soweit, denn er braucht es als Ablenkung. Von seiner Arbeit, wenn viel los ist. Von seinem ereignislosen Leben, wenn nichts zu tun ist.

Dieselben Schuhe, wie jeden Tag. Die vertraute Jacke, abgegriffen und ausgebeult. Ein erster Schritt hinaus auf die Straße und es grüßt die gewohnte ernüchternde Stille. Knisterndes Schreiten auf dem abgenutzten Gehsteig. Der Blick streift ziellos umher, viel zu vertraut ist alles, um etwas Besonderes zu finden. Ein leerer Kopf, auch die Gedanken schwirren nur umher.

Rechts neben dem Gehsteig eine zerquetschte Dose, ein untersuchender Blick. Die ist gestern noch nicht hier gewesen. Langsam kommt er wieder in Fahrt und schreitet weiter, sein Kopf befasst sich mit dem bisherigen Höhepunkt des Spaziergangs: der gesichteten Dose. Endlich: der Park mit seinem eisernen Tor. Rascheln und Reißen, der Boden bedeckt mit nassen Blättern. Leises Donnern eines Flugzeugs, entferntes Hundegebell.

Hier ist er schon immer gewesen: als Kind auf dem Spielplatz, als Jugendlicher auf dem Sportplatz, und jetzt beim Spaziergang. Und das seit Jahren. Dieselben asphaltierten Wege, bei jedem Wetter. Energisches Kratzen am Beton, denn zu viel Unrat klebt an den Sohlen. Die meisten seiner Weggefährten haben diese vertrauten Pfade längst verlassen. Sie grüßen ihn nur noch auf freudigen Bildern, in lässigen Posen, alle paar Tage mal.

Nur er ist noch da, alles unverändert wie damals, als er sie zuletzt persönlich traf. Wird sich einmal etwas ändern? Kommt es einmal zu einer Entwicklung? Wird er auch einmal so weit sein, wie all die vergangenen Weggefährten?

Eine Windböe bläst ihm die Kapuze in den Nacken und die Blätter samt Unrat von hinten vorbei. Dort hinten noch hinauf den steilen Weg zum Tor, dann ist er schon wieder erledigt, sein Spaziergang. Stumm betrachtet er beim bergaufgehen die verformten Pflastersteine, die über die Jahre schon verschiedene Muster gebildet haben. Manche fehlen schon, und geben Blicke auf die kahle Erde und totes Gewächs frei. Er kann sich noch daran erinnern, dass der Weg einmal perfekt gepflastert und eben war. Nüchtern wischt er sich mit der Hand über das Gesicht. So vergehen also die Jahre. Wege werden löchrig und Menschen bekommen Falten.

Endlich ist er oben beim Tor angekommen und da fällt ihm plötzlich der andere Weg auf, der über einen großen Bogen, an Einfamilienhäusern vorbei, ebenfalls zu ihm nach Hause führt. Die Lust auf Neues packt ihn, auf Abwechslung und die damit einhergehende Freude. Er biegt in diesen Weg ein. “Hier bin ich ewig nicht mehr gegangen”, denkt er sich und schlendert nun ein wenig schneller. Neugierig betrachtet er die Einzelheiten: bemooste Tonfiguren in den Gärten, Basteleien an den Fenstern und gedämpftes Kinderlachen. “Hier werde ich nun öfters gehen”, nimmt er sich vor, “gleich morgen wieder”. Und übermorgen auch, und über-übermorgen…

Geschrieben in der Zeit 2021-2023  

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