Moderne Universal Monsters

Die schwierige Wiedergeburt der Monster

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Durch die “goldenen Jahre” Hollywoods hindurch produzierte Universal Pictures einige der wichtigsten Horrorfilme der Geschichte. Während Disney als Heimat der Zeichentrickfilme berühmt wurde, wurde Universal über Jahrzehnte zur Hausadresse des Horrorfilms. Mehr noch: mit ihren Universal Monsters, von denen schließlich sogar mehrere gleichzeitig in einem Film auftauchten, schuf das Studio das erste Shared-Universe der Kinogeschichte. Von der frühen Stummfilmzeit der 1920er-Jahre bis zur allmählichen Abkehr von Schwarz-Weiß-Filmen Ende der 50er-Jahre, schockte das Studio seine Zuschauer mit Frankensteins Monster, Dracula, oder gar dem Seemonster der schwarzen Lagune. 

Dann war Schluss: die Filme wurden zu Klassikern, die Geschmäcker des Publikums änderten sich und die großen Studios wandten sich anderen Genres und damit Projekten zu. 

Doch nach einigen Jahrzehnten, lange nach der großen Zeit des Horrors, erwog Universal eine Rückkehr der Monster. Sie sollten wieder aus ihren Gräbern steigen, Neuverfilmungen und Reboots standen an, doch beides begann schon zu Beginn unter einem launischen Stern.

Der erste Film zur Wiederbelebung war Dracula (1979). Nachdem sich über die Jahre Christopher Lee für die britischen Hammer-Studios als starrer und bestialisch-blutrünstiger Vampir etablieren konnte, versuchte Universal mit diesem Film wieder an den charmanten, dunkel-romantischen Dracula eines Bela Lugosi anzuknüpfen und verfilmte das original Bühnenstück wieder, auf dem schon der Lugosi-Streifen von 1931 beruhte. Die Rolle des Blutsaugers ergatterte Frank Langella, der sicherlich keine leichte Ausgangssituation angesichts solcher hochkarätiger Dracula-Darsteller der Vergangenheit hatte. Doch Langella hielt dem Druck stand und gab einen überraschend soliden Graf ab, der jede Szene des Films beherrschte. Ein zivilisierter, romantischer Blutsauger entsprach allerdings so gar nicht dem Zeitgeist der wilden 70er, und doch schrie der Film in einigen Aspekten zu sehr nach seinem Jahrzehnt, am besten zu merken, wenn Langella mit 70er Discofrisur und Trevor Eve als Jonathan Harker mit fettem Schnauzer durch die gelungenen Gothic-Kulissen und Sets des Films geistern.

Der große Wurf blieb daher aus und es sollte wieder einiges an Zeit vergehen, bis Ende des letzten Jahrhunderts ein weiteres der klassischen Monster zurückkehrte. Stephen Sommers wuchs mit den alten Horrorschinken von Universal auf, sein Vater war ein Riesenfan. Daher war es für ihn ein gefundenes Fressen, Die Mumie (1999) inszenieren zu dürfen. Der Film wurde ein großer Erfolg, doch Kritiker bemängelten, dass er mehr Abenteuerkömodie- als Horrorfilm sei und sahen einen Stilbruch. Was diese Kritiker nicht bedachten ist, dass Abenteuer- und Kömödienelemente ein fixer Bestandteil der alten Mumie-Fortsetzungen mit Tom Tailor bzw. Lon Chaney Jr. als Monster, und zahlreicher anderer Universal-Horrorfilme waren, wie zum Beispiel Horror Island (1941, Regie: George Waggner), die sich selbst allesamt nicht sonderlich ernst nahmen. 

Sommers durfte eine Fortsetzung drehen (2001, Die Mumie kehrt zurück), die noch stärker in Richtung Indiana Jones abdriftete, allerdings wieder finanziell erfolgreich wurde und Die Mumie gar als eigenes Franchise in den Köpfen der Kinobesucher etablieren konnte, was sogar eine Spin-Off Reihe zur Folge hatte (The Scorpion King, 2002 und Folgefilme). 

Universal war begeistert und so durfte Sommers weitere legendäre Filmmonster des Studios wieder auferstehen lassen. Van Helsing (2004) lief nach demselben Schema ab und bot Action und Horror-Sets mit viel Augenzwinkern. Hierbei jagte der namensgebende Vampirjäger gleich mehrere Monster in einem Film, denn Frankensteins Monster, Dracula mit seinen Bräuten und sogar der Glöckner von Notre Dame gaben sich die Ehre. Obwohl damit eine Hommage an die trashigen, aber kultigen “Shared Universe” Filme wie Frankensteins Haus (1944, Regie: Erle C. Kenton) gelang, blieb der Film doch hinter den Erwartungen zurück und konnte auch die professionellen Filmkritiker nicht begeistern (mit freudiger Ausnahme von Roger Ebert). 

Auch der dritte Teil der neuen Mumie-Filmreihe (Die Mumie: Das Grabmahl des Drachenkaisers, 2008, Regie: Rob Cohen) war ein Misserfolg und so musste Universal seine Pläne für weitere Monster-Filme überarbeiten. Ein vierter Mumien-Teil wurde spontan abgeblasen.

Nachdem es scheinbar nicht mehr funktionierte, die alten Monster in Mainstream-Actionfilmen zurückzuholen, wollte das Studio nun wohl die Kritiker dieses Ansatzes zufriedenstellen und es ging in Richtung klassischem Horror. Wolfman (2010, Regie: Joe Johnston) war eine Rückbesinnung auf die alten Schwarz-Weiß-Horrorfilme und stellte eine Neuverfilmung des unsterblichen Klassikers von 1941 mit einigen Abweichungen, aber wunderbaren Reminiszenzen dar. Trotz großartiger Kulissen, großer Zustimmung vonseiten der Fans und eines Oscars für die besten Spezialeffekte war auch dieser Film finanziell ein Flop. 

Wieder wusste man in der Führung von Universal nicht, was man nun mit dem hauseigenen Monster-Franchise anfangen sollte. Also kramte man eine Idee heraus, die seit den goldenen Tagen der Universal-Monsters in den Schubladen schlummerte. Die Verfilmung der Vorgeschichte des Grafen Dracula war eigentlich schon für das erste Drittel von Draculas Tochter (1936, Regie: Lambert Hillyer) vorgesehen, diese Drehbuchversion wurde damals allerdings wieder verworfen. Also entschied sich Universal, dieser unerzählten Vorgeschichte nun einen kompletten Film zu widmen. Dracula Untold (2014, Regie: Gary Shore) zeigte einen transsylvanischen Grafen, der sich im Spätmittelalter den dunklen Mächten ausliefern muss, um seine Familie und sein Land vor den Osmanen zu bewahren. Der Film konnte mit seiner an das Videospiel Castlevania erinnernden Ästhetik durchaus eine Anhängergruppe gewinnen, vielen Kritikern war der Spaß aber zu blutleer und mal wieder zu actionlastig. Doch brachte der Film, der Dracula als fürsorglichen Familienvater zeigt, immerhin frisches Blut in das angestaubte Image des Blutsaugers, und mal ehrlich: was kann man bei einer Kombination aus Mittelalter-Action und Vampirfilm schon falsch machen? Das Ende deutete eine Fortsetzung an, die von einigen Fans gefordert wurde. Manche meinten sogar, der Film sollte eigentlich der Auftakt zu einem Reboot des Monster- Shared Universe werden. Zu all dem kam es jedoch nicht, denn nachdem der Film bei Kritikern durchfiel, überarbeitete Universal seine Pläne erneut und ging nun “All-In”. 

Denn Marvel feierte furiose Erfolge mit seinem Shared Universe-Filmen der Marvel-Superhelden und Universal witterte nun die Chance, mit seinen Monstern das allererste Shared-Universe der Kinogeschichte als Konkurrent zurückzuholen. 

Die Mumie (2017, Regie: Alex Kurtzman) sollte der Auftakt zu einem hochkarätigen Action-Spektakel werden und die Monster zu einem Franchise machen, das mit den Marvel-Superhelden konkurrieren konnte.

Leider ging dieser Versuch gehörig in die Hose und wurde zu einem Millionengrab. Der Streifen punktete mit tollen Effekten und grandiosem Setdesign, doch während viele Mainstream-Kinobesucher mit Horrorfiguren in einem auf Superhelden-Action getrimmten Hochglanzfilm nichts anfangen konnten, fragten sich die Fans des alten Monster-Franchises, was all das eigentlich noch mit ihren geliebten Horrorfilmen zu tun haben sollte? Und was macht eigentlich Tom Cruise in einem Universal-Monsters-Film? Fragen über Fragen.

Die Kreativität der Maskenbildner und Setdesigner und einige Referenzen zu alten Monster-Streifen, sorgten aber trotzdem für Kurzweiligkeit, der Film war also durchaus nicht so schlecht, wie manche professionelle Kritiker damals meinten, auch wenn er kein einziges seiner gesetzten Ziele erreichen konnte, weder im Mainstream, noch in der Fanbase.    

Mehrere Monate lang beharrte Universal trotzig darauf, dass das nun der Beginn seines neuen “Dark Universe” gewesen sein sollte und noch viel mehr solcher Filme kommen sollten, doch nachdem die finanzielle Schmach immer offensichtlicher wurde, musste das Studio seine Pläne – wie schon so oft – verwerfen. 

Im  Jahre 2018 gab das Studio schließlich bekannt, einen komplett neuen Ansatz für weitere Filme seiner Monster-Reihe zu gehen: die alten Klassiker sollten als modernisierte und wirkungsvolle Horrorfilme zurückkehren, die komplett neue Ideen und Ansichten zu den Filmmonstern umsetzen sollten. Jegliche Pläne zu einem milliardenschweren Filmfranchise wurden eingestampft. Nicht wenige Fans der alten Garde jubelten über diese Meldung. Zur Umsetzung ging Universal eine Partnerschaft mit Blumhouse Productions ein, einem Filmproduktionsunternehmen, das in der Vergangenheit mit effektiven low-budget Schockern punkten konnte.

Der erste Film dieser neuen Generation der Monster sollte einen Charakter neu interpretieren, der bisher noch keine Aufmerksamkeit des Studios im Zuge von modernen Reboots bekommen hatte: Der Unsichtbare (2020, Regie: Leigh Whannell) zeigte den Unsichtbaren nicht in Bandagen und Bademänteln eingewickelt, sondern als Narzissten, der durch einen von ihm entwickelten Anzug unsichtbar werden kann und seine Lebenspartnerin psychisch und physisch zum Wahnsinn bringt. Diesmal gab es kein großes CGI-Actionfest, aber eine düstere Atmosphäre und eine grandiose Kameraarbeit, die den Zuseher nie genau wissen lässt, ob in der nächsten dunklen Ecke nicht gerade der Unsichtbare lauert, denn er könnte sich in jeder Szene verstecken. Der Film verarbeitete toxische Beziehungen und griff damit ein aktuelles gesellschaftliches Thema auf, gerade so, wie es die Klassiker der 30er und 40er Horrorfilme ebenso auf symbolischer Ebene taten. Der Film konnte Zuschauer wie auch Kritiker überzeugen und ein Vielfaches seines vergleichsweise geringen Budgets einspielen. 

“Es lebt! Es lebt!” muss es anschließend in der Universal-Zentrale geschallt haben. Endlich scheint ein Konzept der Studiobosse aufgegangen zu sein. Sofort wurden eine Fortsetzung und weitere moderne Neuinterpretationen von Monsterfilmen angekündigt. Dies hinderte das Studio aber nicht daran, weiterhin Versuche in Richtung Mainstream sowie anderer Genres zu starten: Renfield (2023, Regie: Chris McKay) ist eine Grusel-Komödie mit übertriebener Slapstick-Brutalität und erneut an Superheldenfilme erinnernder Action. Der Film hat bis auf eine gelungene Einführungssequenz, in der Szenen aus dem originalen Dracula von 1931 nachgespielt werden, und einem hochmotivierten Nicolas Cage als blutsaugender Graf wenig zu bieten, das irgendwie mit der Horrorreihe zu tun hat, und ist womöglich der schwächste Film des Franchises. 

Ein weiterer Dracula-Film – Die letzte Fahrt der Demeter (2023, Regie: André Øvredal) war ursprünglich gar kein Franchise-Teil, sondern eine deutsch-amerikanische Koproduktion, die jahrelang in der Produktionshölle schmorte. Schließlich fragten die Filmemacher bei Universal an, das Werk zu veröffentlichen, um die großen Vertriebs- und Marketingmöglichkeiten eines solch großen Unternehmens nutzen zu können. Das Studio sagte zu, in Freude, so leicht zu einem fertigen Dracula-Film gekommen zu sein, der wieder einen komplett neuen Teil der bekannten Geschichte erzählte (die genauen Vorgänge auf der Überfahrt des Grafen nach England) und zählte ihn auf seinen Kanälen zum offiziellen Monster-Franchise. Die Tatsache, dass der Streifen nicht von Universal beauftragt oder produziert, sondern lediglich vermarktet wurde, spiegelt sich jedoch im Film wider: so wirkt Dracula darin in Erscheinung und Auftreten eher wie der bestialisch-tierische “europäische” Nosferatu aus den berühmten deutschen Vampirfilmen, als wie der Graf der Hollywood-Produktionen und daher von Universal. 

Anders war es schließlich bei Abigail (2024, Regie: Matt Bettinelli-Olpin & Tyler Gillett), das von Universal direkt als Neuverfilmung des bereits vorher erwähnten Draculas Tochter (1936, Regie:  Lambert Hillyer) und als Teil des damaligen “Dark Universe” beauftragt wurde. Nachdem die Shared-Universe-Pläne wie erwähnt verworfen wurden, sollte auch diese Produktion ein für sich allein stehender Film werden. Die Regisseure bekamen nun freie Hand und kreierten eine blutige Horror-Komödie über ein Ballet-tanzendes, sadistisches Vampir-Mädchen, die kaum mehr Ähnlichkeiten zum Werk der 30er-Jahre hatte. Das kurzweilige und stimmungsvolle Werk enthielt jedoch zahlreiche Referenzen an die alten Monster-Filme, darunter das originale Dracula-Wappen der alten Filme, das mehrmals zu sehen war,, wodurch es eindeutig noch als Teil des Franchises erkannt werden konnte. Abigail bildete mit seiner illustren Darstellergruppe, die in einem düsteren Herrenhaus eingeschlossen wurde, eine moderne Hommage an die alten Universal-Filme mit ähnlichem Konzept, wie zum Beispiel Das alte, finstere Haus (1932, Regie: James Whale) oder Night Monster (1942, Regie: Ford Beebe).

Endlich, im vergangenen Jahr, kam mit Wolf Man (2025, Regie: Leigh Whannell) ein weiterer Streifen heraus, der das neue Prinzip der kompletten Neuinterpretation auf ein weiteres der berühmten Monster anwenden sollte. Auch dieses Projekt kämpfte mit Schwierigkeiten während der Produktion und immer wieder sprangen Schauspieler, Produzenten und sogar Regisseure ab. Schließlich verpflichteten die Studiobosse Leigh Whannell als Feuerlöscher für den Regiesessel. Nachdem er ja bereits den Invisible Man zu großen Erfolgen brachte, sollte er nun auch diese Neuinterpretation retten. Zumindest soweit retten, wie es noch möglich war, denn das Studio scheint nicht mehr an die Produktion geglaubt zu haben und verlegte die Veröffentlichung auf den Februar, einen der “Dump Months”. Doch Leigh Whannell  machte wieder einen guten Job: der moderne Wolfman spielt inmitten der amerikanischen Wildnis und das Szenenbild ist geprägt von sattem und doch bedrohlichem Grün. Diesmal wird der Mensch nicht durch den mächtigen Vollmond zum Tier, sondern durch einen einfachen Virus, der jedoch auch wieder durch einen Biss oder eine Wunde übertragen wird. Während Fans der alten Schule die Entmystifizierung des Werwolf-Syndroms bemängelten, sahen viele darin eine Verarbeitung der Covid-Pandemie, was das Zerbrechen von engsten Familienbanden und der psychischen Wirkung von diesem erklärt, das in der Handlung viel Raum einnimmt. Wieder schaffte es Whannell also, ein aktuelles, modernes Thema in ein klassisches Horror-Monster wundervoll einzupflegen und damit den Kern der Universal-Monsters zu erfassen.

Die Monster leben also, auch wenn es dazwischen immer wieder vorkommt, dass ein Doktor ein falsches Leichenteil für seine Kreatur verwendet, und daher ein misslungener Film erschaffen wird. Die Tatsache, dass Universal geschätzt mehrere Millionen Dollar in seinen neuen Bereich “Dark Universe” im Epic Universe-Themenpark in Orlando ausgegeben hat, der vollständig den Universal Monsters gewidmet ist, sowie die Lizenzierung zahlreicher Comicserien von namhaften Künstlern, die auf den klassischen Charakteren beruhen, beweist eindeutig, dass das Studio noch Pläne und Hoffnung in sein Urgestein von Franchise hat, und womöglich auch die Vergangenheit rentabel genug war, um diese Investitionen zu rechtfertigen.

Auch weitere Filme sind in Aussicht, aber noch in frühen Phasen: es soll erstmals in der Filmgeschichte eine Neuverfilmung von “Der Schrecken des Amazonas” (1954, Regie: Jack Arnold) produziert werden, erneut mit der typischen modernen Neuinterpretation der vergangenen Reboots. Außerdem zwitschern Spatzen von den Dächern Hollywoods, dass sich Brendan Fraser und Rachel Weisz in Verhandlungen für eine Beteiligung an einem vierten Die Mumie-Teil befinden. Und schließlich war ja auch noch eine Fortsetzung von Der Unsichtbare angekündigt worden…

Man kann also gespannt sein, welche Kreatur uns als nächstes gegen das nächtliche Schlafzimmerfenster klopfen wird. 

Gute Nacht!

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