Einige Jahre ist es nun schon wieder her, dass ich mein Studium abgeschlossen und die Uni hinter mir gelassen habe. Es war eine Zeit des Stresses und der Verzweiflung, aber auch großer Momente und Erlebnisse, die ich nicht missen möchte.
Meine Erfahrung mit der Universität Wien begann tatsächlich auf der anderen Seite, nicht als Student, sondern als Angestellter. Voller Verzweiflung wendete ich mich als 15 jähriger HTL-Schüler an den Zentralen Informatikdienst der Uni Wien, dass sie mich doch bitte gerne als Praktikant im Sommer aufnehmen möchten. Ich hatte schon unzählige Absagen kassiert und wenn ich das von der Schule vorgeschriebene Pflichtpraktikum im damaligen Jahr nicht absolvieren würde, müsste ich im kommenden Sommer die vollen Ferien durcharbeiten oder wäre gar am Aufstieg in die nächste Schulstufe gehindert.
Man lud mich zu einem Gespräch ein – das erste Bewerbungsgespräch meines Lebens. Ich erinnere mich an den festen Händedruck und präzisen Ausdruck meines potenziellen Chefs (war ein ehemaliger Bundesheerler, das wird’s erklären) und an den gutmütigen Bären neben ihm, mit dem ich zusammenarbeiten würde, würden sie mich nehmen. Natürlich war ich schrecklich nervös und beantwortete nur kleinlaut die mir gestellten Fragen, ohne je Gegenfragen zu stellen. Alles in allem kann man wohl sagen: ich war ein Schüler für ein Pflichtpraktikum und ich machte einen braven Eindruck, also dachten sie wohl: “wird schon passen” und nahmen mich.
Was sie damals noch nicht wussten: ich werde die nächsten Sommer immer wieder kommen.
Es begann für mich eine höchst interessante Zeit in der IT-Infrastruktur-Abteilung des ZID. Als Praktikant durfte ich verschiedenste Kollegen bei den vielen Auswärtsgängen zu Serverräumen und LAN-Verteilern begleiten und mich nützlich machen. Ich war begeistert. Über 60 verschiedene Standorte und Fakultäten besitzt die Uni Wien auf dem Stadtgebiet und ich bekam schließlich die Sonderaufgabe, die IT-Infrastruktur und die damit zusammenhängenden Kühlsysteme zu dokumentieren.
Es gab Serverräume tief in den Kellern des Neuen Institutsgebäudes, mit Trigongas-Löschanlagen und einem gigantischen Schiffsmotor, der die relevanten Systeme am Laufen hält, sollte es zu einem Stromausfall kommen. Mit meinem Zutrittstoken und einem Handy zum Fotografieren bewaffnet, durfte ich ausströmen und die Anlagen aufnehmen. In meinen Gedanken war ich der Agent eines amerikanischen Actionfilms der 80er-Jahre, der sich seinen Weg durch die Schleusen eines streng bewachten Atombunkers bahnte, in Wirklichkeit nur ein Praktikant der durch die sonst verborgenen Kellergänge des Unigebäudes schlurfen durfte und sich beim Öffnen der unscheinbaren Zutrittstüren mit seinem Token und dem Finden des Lichtschalters in den dunklen, mit Rohren gepflasterten Gängen, richtig gut vorkam.
Den Keller des historischen Hauptgebäudes am Ring habe ich besonders gut in Erinnerung, entfaltete er mit seinen Ziegelmauern aus der Kaiserzeit doch eine ganz spezielle Wirkung. Unter dem Audimax, dem größten Hörsaal Österreichs, verlaufen dunkle Lüftungsgänge – eine Klimaanlage, die rein durch die natürliche Luftzirkulation von warmer und kalter Luft ohne Strom funktioniert und im 19. Jahrhundert der modernste Stand der Technik war. Ein großer runder Raum tief unter der Erde dient als Sammelbecken für dieses Gangsystem.
Es war schaurig-schön, als ich mit einem Kollegen – nur bewaffnet mit der Handy-Taschenlampe, denn elektrisches Licht wurde dorthin nie verlegt – ein Stück durch diese alten, gemauerten Gänge tief unter der Wiener Ringstraße wandeln durfte. Stark gebückt, denn Luft braucht keine hohen Decken. Erst kürzlich erfuhr ich, dass der Sitzungssaal des Budapester Parlaments – ebenfalls ein Werk der k.u.k.-Zeit des 19. Jahrhunderts – auch ein solches Klimasystem besitzt.
Doch auch weit oben, auf den Dächern, durfte ich versteckte Gebiete von verschiedenen Unigebäuden erkunden, denn LAN-Verteilerkästen und Telefonleitungen – alle im Verantwortungsbereich meiner Abteilung – waren an fast allen Orten vorhanden, wo sie im normalen Betrieb nicht störten. Der Dachboden des Hauptgebäudes hatte besonderen Flair, denn auf alten Holzbrettern marschierten wir über die gewölbten Böden, mit dem hölzernen Dachstuhl über uns, wobei wir mehrmals über dessen Querbalken steigen mussten. Ein Ausgang hinaus aufs Dach durch eine Luke – denn dort waren Ventilatoren des (modernen) Klimasystems, auch in unserem Verantwortungsbereich – und wir durften an der Balustrade entlang am Dach spazieren, mit großartiger Aussicht auf die Ringstraße und die umliegenden Prachtbauten. Die historischen Statuen direkt neben uns.
Im Gebäude der Archäologie-Studenten – alte Saurierskelette waren an den Decken aufgehängt – mussten wir über einen tiefen Kabelschacht steigen, der durch alle Stockwerke des Gebäudes ging, um auf die andere Seite des Verteilerraums zu gelangen. Hier war ich kein Agent, hier war ich Indiana Jones.
An einem anderen Standort gab es einen Kabelverteilerkasten auch am Dachboden, den ich unbedingt per Foto dokumentieren sollte. Ein alter, knatternder Aufzug führte in die Höhe. Der Aufzug war so eng, dass man zu Zweit aufpassen musste, nicht ständig am Anderen anzukommen. Zum obersten Stockwerk gelangte man nur, wenn man den Stockwerksknopf mit einem speziellen Schlüssel freischaltete, denn das gesamte Obergeschoß war berechtigten Personen vorbehalten. Der Actionheld war also wieder auf Mission.
Oben ging die Aufzugtür auf und tiefe Finsternis begrüßte uns, der Lichtschalter war erst einige Meter im Raum an der Wand versteckt, der Dachboden war genauso alt und modrig wie der des Hauptgebäudes und der gesuchte Verteilerkasten war in einem umständlichen Winkel in den Bodenbeschlag eingelassen. Beim ersten Besuch war ich noch mit einem Kollegen dort, doch später musste ich ein zweites Mal alleine hin, um die Fotos für die erwähnte Dokumentation zu machen. Der stockfinstere Dachboden, der einen beim Öffnen der knatternden Aufzugtüren erwartete, jagte mir damals einen gehörigen Schauer ein.
Großen Respekt hatte ich auch vor den erwähnten Sicherheitsanlagen. Die an der Wand bereitgestellten Ohrenschützer wiesen darauf hin, wie laut so ein Schiffsmotor sein würde, wenn er in Betrieb geriet. Dies war jederzeit möglich, denn es konnte ein plötzlicher Stromausfall auftreten, und das Monstrum würde mit seinem Lärm beginnen. Nachdem ich seit der Kindheit sehr empfindlich auf Lärm war, hielt ich mich im selben Raum wie dieser Motor nur so lange wie notwendig auf. Auch die Trigon-Löschanlage betrachtete ich als Teenager mit einem mulmigen Gefühl, denn im Zuge eines Brandes würden sie Trigongas ausstoßen, um die Flammen zu ersticken. Als Mensch sollte man dann möglichst weit weg sein.
Mehrere Jahre arbeitete ich im Sommer für den Zentralen Informatikdienst, wollte aber schließlich auch was anderes sehen und absolvierte spannende Praktika in ein paar anderen Firmen. Dann kam der Wechsel auf die andere Seite: Nachdem ich mehrmals daran beteiligt war, Services für die Studierenden zu leisten, wollte ich nun selbst diese Services konsumieren. An den Tag meiner Inskribierung kann ich mich gut erinnern, denn voll Ehrfurcht ging ich durch die Aula und den Arkadengang des Hauptgebäudes, mit den zahlreichen Büsten und Denkmälern berühmter Professoren und Nobelpreisträger der Uni. Das Nachhausefahren als offizieller Student mit der neuen “Uni Wien”-Tasche voller kleiner Geschenke erfüllt mich mit einem Gefühl von Stolz. Ich komme nicht aus einer Akademikerfamilie, meine Generation war die erste, die Studieren durfte bzw. konnte. Außerdem hatte ich eigentlich kein Studium geplant, sondern eher spontan entschieden. Für mich war der Besuch einer Universität daher stets etwas Besonderes und auf jeden Fall nichts Selbstverständliches.
Das Unangenehme am Studentenleben würde mich aber in den folgenden Jahren mehrmals überkommen: der Druck durch das Verinnerlichen großer Mengen (Bücher mit hunderten Seiten), ohne Einschränkungen durch die Professoren, komplexer Lernstoff und vor allem der ständige Druck, sich mit dem Fach auseinanderzusetzen. Kein freies Wochenende, keinen Feiertag, keinen Abend darf man mit komplett reinem Gewissen genießen, denn eigentlich sollte man ja etwas für die Uni tun.
Die innere Bitterkeit und Schmerzen, wenn man an seinem Schreibtisch für das Studium lernen musste, während die Familie oder Freunde auf Ausflüge fuhren und das Leben genießen konnten, sind mir bis heute ins Hirn gebrannt.
Obwohl ich es nie bereut habe, studiert zu haben, so war ich doch froh, als ich es dann endlich abgeschlossen hatte. Und stolz, es durchgezogen zu haben, denn egal auf welcher Seite, als Ex-Mitarbeiter oder als Alumni einer 1365 gegründeten Institution: es war mir eine Ehre!




Schreibe einen Kommentar