Es war einmal ein kleiner Garten mit Beeten an seinen Seiten und Gras in seiner Mitte. An einem Ende stand ein knorriger Pfirsichbaum, am anderen Ende standen Blumenkisten, in denen verschiedenste Arten wucherten. In solch einer Blumenkiste lebte auch eine rosa blühende Blume, stramm aber lieblich, mit einem kleinen Ableger als Sprössling. Direkt daneben waren auch noch Töpfe mit anderen exotischen Pflanzen. Der Ableger war sehr neugierig und zum Glück war er schon groß genug gewachsen, um über den Rand der Blumenkiste zu lugen.
“Mutter”, fragte er, “kennst du all die bunten Gewächse gut?”
“Ja, das tue ich.”
“Dann kannst du mir auch viel erklären?”
“Ja.”
Der Ableger machte einen weiten Blick durch den Garten. Schließlich fragte er: “Mutter, wie kommt es, dass die rote Blume andauernd so prächtig blüht, als ob keine Anstrengung dahinter steckt?”
Die rosa Blume dachte nach und meinte schließlich: “Nun, manche tun sich halt leichter”.
“Aber der Kaktus…”, lachte der Ableger, “der blüht ja nie…”.
“Doch, und dann stellt er uns alle in den Schatten…”
“Und das auch noch mit so wenig Wasser…”, merkte der Kleine an. “Wieso hat er aber dann solche Stacheln, wieso ist er so böse zu allen anderen?”
“Er ist einmal sehr verletzt worden, und da beschloss er einst, sich Stacheln wachsen zu lassen, und sich abzuschirmen. Manchmal jedoch, und nur für kurze Zeit, schickt er seine prächtig bunten Herzensgrüße hinaus zu den Anderen, bis über seine Stacheln hinaus.”
Der Ableger dachte kurz nach, dann sah er sich weiter um.
“Mutter”, fragte er, “Wieso sind die Blumen in der einen Ecke besonders bunt und schön?”
“Weil sie dort sehr viel Sonnenschein abbekommen und namhafte Erde haben. Manche Blumen hatten Glück bei ihrer Pflanzung und tun sich daher leichter, schon seit ihrer Geburt. Es fallen viele Samen auf die Erde dort bei der Scheibtruhe, starke Samen, und doch haben sie dort keine Chance, denn der Boden dort ist trocken und steinig, und die Sonne scheint nur selten in diese Ecke.”
Der Ableger war nun eine Zeit lang still. Ein Luftstoß kam und blies durch den Garten. Tapfer hielt das kleine Pflänzchen dagegen und dabei seinen Stiel ganz stramm. Als der Wind wieder nachließ, fiel ihm der große Pfirsichbaum auf. Knorrig und alt war er, doch seine Äste breiteten sich weit aus und legten sich schützend um sein Umfeld.Sein Stamm war durch die Witterung und verschiedenste Schläge schief gewachsen, und doch stand er fest im Boden verwurzelt.
“Mutter”, fragte der Sprössling wieder, “der alte Pfirsichbaum ist so stark und mächtig. Er muss sich nicht einmal mehr Sorgen darüber machen, Wasser zu bekommen, denn seine Wurzeln sind tief und weit verzweigt, während andere, kleinere und jüngere Gewächse um so etwas Grundlegendes erst kämpfen müssen…”
Leicht neigte die rosa Blume ihr blühendes Haupt in Richtung ihres Ablegers, so leicht, dass die Menschen denken würden, es sei nur ein zufälliger Windstoß. “Ich wäre auch gerne so mächtig.”, beendete der Kleine seine Überlegungen.
Schließlich erklärte die Blume: “Manchmal braucht man Zeit und daher Erfahrung, um so mächtig zu werden. Es ist keine Schande, wenn man als junger Absetzer so Etwas noch nicht vollbringen kann. Manche Blumen wachsen schneller, manche langsamer, manche werden schon früh umgeknickt und kommen daher gar nie zu ihrer vollen Blüte. Viele wachsen anfangs gerade, stramm und stolz, und werden doch arg von der Umwelt mitgenommen, sodass sie nur gebogen und stark verwachsen an ihr Ziel kommen. Mache dir aber bloß keine Sorgen, denn du wirst deinen Weg in Richtung Sonne schon finden und ihn auch noch zu gehen lernen.”
Schwere Zeiten zogen oft auf für den kleinen Ableger, oft wusste er nicht einmal, ob er je wieder einmal mit geradem Stängel stehen, seine Blätter ausrollen und erstrahlen würde. Ganz trist-braun war seine Farbe dann und gelb-braun und eintönig kam ihm auch die Welt um ihn herum vor. Selbst die prächtigst blühende Rose oder die simple Lieblichkeit der Gänseblümchen beachtete er nicht. Er hasste sie sogar beinahe, denn er fühlte sich, als würde er nie wieder selbst so bunt blühen können wie sie.
In solch einer schweren Zeit sagte der Ableger einmal zu seiner Mutter: “Mutter, ich fühle mich so sinnlos und leer, wie das Unkraut, das zwischen uns Blumen sprießt. Das nur von Anderen lebt, immer auf ihre Hilfe angewiesen ist, und selbst nie etwas Sinnstiftendes zusammenbringt.” Und während er dies formulierte, sah er hinab zu dem eintönigen und unscheinbaren Unkraut, das wie ein grüner Kranz um die besseren, leuchtend hellen Blümchen wuchs.
“Du weißt wohl nicht, dass dieses Unkraut sehr wohl seinen Nutzen hat. Es kann meist sehr sinnvoll verwendet werden – oft sind es sogar Heilkräuter.” Staunend blickte der Ableger hinauf zu seiner Mutter, diese fuhr fort: “Doch die Menschen wissen es nicht und zerstören es. Häufig wissen diese Pflanzen es selbst nicht, weil sie immer das Gegenteil gesagt bekommen haben und es irgendwann geglaubt haben, oder weil sie es immer zu sich selbst gesagt haben, so wie du es gerade auch tust. Du musst einsehen, wie besonders du bist. Als erstes musst du es in dir sehen und daran glauben, danach kannst du es anderen zeigen und beweisen. Der erste Schritt ist relevant, ohne ihn schaffst du den zweiten nicht. Wenn du es dann eingesehen hast, wirst auch du blühen wie die anderen Pflanzen, jede anders, manche groß und aufwendig, manche unscheinbar, und doch alle überaus kräftig und einzigartig.”
Da kamen viele kalte Winter und unzählige trockene Sommer, und der Garten stand unter ständigem Wechsel und Veränderung. Niemand konnte diesen Wind aufhalten, der wütete und nie alles so ließ wie es war. Die Pflanzen sagten sich, die Menschen würden diesen Wind “Zeit” nennen.
An einem der warmen Frühlingstage, da warf eine rosa blühende Blume einen langen Blick auf den Garten. Gleich daneben lugte ein winziger Ableger über den Rand der Blumenkiste.
“Vater, kennst du all die bunten Gewächse gut?”
“Ja, das tue ich”, antwortete die große Blume darauf und erfasste mit ihrem Blick den Komposthaufen auf der anderen Seite des Gartens.
Dort endeten alle Pflanzen einmal, egal wie sie gelebt hatten, aussahen, und das wurden, was sie gewesen waren. Und doch hatten sie alle einen Sinn gehabt, spätestens jetzt, denn aus den alten Pflanzen am Kompost wurde Erde, und aus dieser konnte neues Leben sprießen.
Erstfassung fertig geschrieben am 02.02.2021.
Gewidmet meinem guten Freund Markus Hirsch.




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